Ein Werkstoff – zwei Berufe

Jan Lange und Dima Beirit lernen gerade ganz ähnliche Berufe, die aber bei genauerer Betrachtung doch riesige Unterschiede aufweisen. Beide haben den Werkstoff Glas für sich entdeckt. Beide sitzen sie für ihre Arbeit an Hochleistungsbrennern und beide haben deshalb auch keine Haare mehr an den Händen. „Das bringt die Tätigkeit nun mal mit sich“, sagt Jan. Und doch kommen bei beiden ganz unterschiedliche Produkte heraus.

Glasbläser und Glasapparatebauer (m/w/d)

Glasbläser

Dauer: 3 Jahre
Voraussetzungen:

Mittlere Reife oder guter Hauptschulabschluss, gute Noten in Kunst, Werken/Technik und gute chemische und physikalische Kenntnisse, kunsthandwerkliches Geschick, Geduld und Konzentrationsfähigkeit

Chancen:

Für eine leitende Position kannst du einen Meister anschließen oder auch studieren.

Ein Werkstoff – zwei Berufe. Foto: nevodka.com – stock.adobe.com

Glasapparatebauer

Dauer: 3 Jahre
Voraussetzungen:

Mindestens guter Hauptschulabschluss, gute Noten in Mathe, Chemie, Physik und Werken/Technik

Chancen:

Der Beruf bietet ein breites Spektrum an Aufstiegsweiterbildungen an, z. B. in den Bereichen Glasdesign, Qualitätssicherung oder Glastechnik. Natürlich kannst du auch hier einen Meister anschließen oder ein Studium aufnehmen.

Jan lernt Glasbläser mit der Fachrichtung Glasgestaltung in der Farbglashütte Lauscha.

Dieses Handwerk hat in Südthüringen eine lange Tradition. Zum Beispiel stammt von hier der weltweit berühmte Christbaumschmuck. Jans Beruf hat also sehr viel mit Kreativität und handwerklichem Geschick zu tun. Um den Beruf zu erlernen, kam er extra aus Mecklenburg-Vorpommern. „Ich fuhr mit meinen Eltern nach Thüringen, als ich in der zweiten Klasse war. Da habe ich das erste Mal gesehen, wie jemand Figuren aus Glas herstellt und seitdem wollte ich Glasbläser werden“, erinnert er sich. Während er das erzählt, sitzt er vor einem Brenner und hält eine kleine Glasfigur in die 1.200 Grad heiße Flamme. Eine Maus soll es mal werden, die ersten Umrisse sind bereits zu erkennen. Hochkonzentriert setzt er gerade das zweite Ohr an den Kopf an. Hat das Material einmal die richtige Temperatur, muss alles schnell gehen. „Wenn das Glas zu stark erkaltet, sind die Spannungen so groß, dass es zerspringen würde, wenn ich es wieder in die Flamme halte“, erklärt er. Mäuse gehören schon zur höheren Kunst für den Azubi im zweiten Lehrjahr. Angefangen hat er mit einer kleinen Ente. Das Lehrstück steht noch auf seinem Tisch und erinnert noch nicht wirklich an einen Vogel. „Das ist natürlich völlig normal. Man braucht unendlich viel Geduld, bis man wirklich gut wird“, sagt er. Aber Übung macht bekanntlich den Meister und so gibt ihm sein Lehrmeister auch immer neue Aufgaben und zeigt ihm, wie er sie angehen muss.

Inzwischen sitzt auch Dima an seinem Brenner.

Der angehende Glasapparatebauer macht seine Ausbildung bei der Firma j-fiber aus Jena. Deren Partner ist das berufliche Bildungszentrum CJD Ilmenau, wo er seine Praxisausbildung bekommt, um nach den drei Jahren Lehrzeit direkt in die Produktion seiner Firma einzusteigen. Grundsätzlich sieht sein Arbeitsplatz ganz ähnlich wie der von Jan aus. Vor ihm faucht eine hellgelbe Flamme, dahinter steht ein so genannter Vorwärmer, der verschieden große Glasstäbe auf 500 Grad erhitzt. Nur um Kunst geht es hier nicht. Statt Mäuse und Co. zu fertigen, stellt Dima in der Lehrwerkstatt Instrumente für Labore her. Gerade studiert er eine technische Zeichnung mit genauen Maßvorgaben. Ein Röhrchen zum Testen von Chemikalien soll es werden. „Es ist wichtig, ganz genau zu arbeiten“, erklärt er. „Wir haben genaue Vorgaben, an die wir uns halten müssen. Nur minimale Abweichungen von hundertstel Millimetern sind zulässig.“ Dafür kontrolliert Dima sein Werkstück immer wieder mit Messlehren und Maßband. Zwei kleine Kugeln sind auf der Zeichnung zu sehen. Die muss er jetzt in das Glas blasen. Vorsichtig setzt er den Mund an, und das Stück, das er gerade in der Flamme erhitzt hat, dehnt sich aus. „Dabei muss das Glas immer gedreht werden, sonst wird die Kugel nicht rund“, sagt er. Wie viel Luft er wie stark in das Glasröhrchen blasen muss, weiß er mittlerweile genau. Aber dafür sei viel Übung notwendig gewesen. Nach wenigen Sekun den hält Dima ein Röhrchen mit der ersten perfekten Kugel in den Händen.

Apropos Hände:

Sowohl Jans als auch Dimas Hände sind bereits von ihrem Beruf gezeichnet. Haare gibt es da bei keinem mehr. Beide tragen zu ihrem Schutz während der Arbeit an der Flamme zwar eine Schutzbrille „und auch lange Klamotten sind vorteilhaft“, ergänzt Dima. Aber „kleinere Verletzungen bleiben nicht aus“, sagt Jan und zeigt auf eine kleine Narbe, die er sich an einem Brenner zugezogen hat, als er nicht ganz konzentriert war.

Und auch Dima erzählt, dass er sich schon häufig geschnitten hat. „Es ist wirklich wichtig, dass man sich gut konzentrieren kann. Es ist aber nicht so, das man jeden Tag blutend nach Hause kommt“, sagt er lachend. Später in seiner Firma wird er in der Produktion von Glasfaserleitungen arbeiten. Und auch da kommt es auf Präzision an. Schließlich sollen die Leitungen Datenübertragungsgeschwindigkeiten von 10 GB pro Sekunde leisten. Allerdings wird er hier vorwiegend mit so genanntem Quarzglas arbeiten, bei dem Temperaturen von 1.200 Grad nur der Anfang sind.

Jan hingegen hat sich absolut der Kunst verschrieben.

Er zeigt verschiedene Werkstücke, an denen er gearbeitet hat. Dazu gehören zum Beispiel Böden von langstieligen Gläsern und kleine Vasen, die kunstvoll geschwungene Ränder besitzen. Jedes Stück ist ein Unikat. Hier geht es um Individualität, weniger um Serienproduktion. Dennoch muss auch Jan bestimmte Regeln einhalten, wenn er seine Kunstwerke produziert. Das wichtigste ist, dass sie funktionieren. Ein Glas muss also zum Beispiel stehen können und absolut gerade sein. Auf jedes Teil hat sein Ausbilder eine Note geschrieben. „Das ist die Vorbereitung auf die Zwischenprüfung“, erklärt er. Die Noten werden später mit denen aus der Berufsschule zusammengerechnet und daraus ergibt sich die Durchschnittsnote. Auch Dima bereitet sich auf die Zwischenprüfung vor. „Geprüft werden verschiedene Glasapparate. Dabei kommt es auf die Funktion und die Maße an“, sagt er. Wirklich Sorgen mache er sich nicht, denn die Ausbildung sei so gestaltet, dass er gut mitkomme. Bei der Prüfung geht es aber nicht nur um die Praxis. Auch das Wissen aus der Berufsschule wird abgefragt. Dimas Berufsschule ist gleich neben seiner Ausbildungsstätte in Ilmenau. Hier bekommt er das Grundlagenwissen in den Bereichen Glasapparatekunde, Elektrotechnik, Ofenbau und Feuerungs tech nik, Arbeitsschutz und technische Apparatezeichnungen. Er lernt unter anderem, wie Glas nach seiner chemischen Zusammensetzung unterschieden wird, wie unterschiedliche Gläser miteinander verbunden werden können und welche Arten der Glasbearbeitung es gibt. Jan hingegen geht in die Berufsfachschule Glas in Lauscha. Auf seinem Stunden plan stehen Fächer wie Glasherstellung und -veredelung, das Gestalten von Schriften, Formen und Dekoren oder die Entwicklung von Entwürfen für Zierformen. Auch die künstlerische Gestaltung von Glasobjekten wird hier gelehrt.

So haben beide ganz unterschiedliche Ansprüche an den gleichen Werkstoff und sie zeigen anschaulich, wie unterschiedlich Glas in seinen Anwendungsmöglichkeiten ist.

Jetzt musst du dich nur entscheiden, ob du eher der kreative Kopf oder der genaue Tüftler bist. Denn gute Zukunftsaussichten bieten beide Berufe, der Glasbläser im Handwerk, der Glasapparatebauer vorwiegend in der Industrie. (rw)

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