Alles schick?
Warum wir so tun, als wäre alles okay – selbst, wenn es das nicht ist.
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„Alles schick?“
„Ja, passt schon.“
Vielleicht kommt sogar ein „Muss ja.“ Ein kurzer Austausch, wie er jeden Tag tausendfach stattfindet. Schnell gesagt, schnell abgehakt. Aber was wäre, wenn man ehrlich antworten würde? Ist bei allem, was gerade passiert, wirklich „alles schick“?
Kriege in der Ukraine, im Gazastreifen, im Iran. Preise steigen und das Leben wird immer teurer, während die Löhne gleichbleiben. Politisch sind wir gespaltener denn je und, ach ja, natürlich haben wir auch den Klimawandel nicht vergessen.
An allen Ecken und Enden scheint es zu brennen. Und trotzdem wirkt vieles im Alltag oft erstaunlich normal. Du gehst zur Schule, zur Arbeit, zur Uni. Alles wie gehabt.
Die Welt wirkt gleichzeitig laut und leise. Dramatisch in den Nachrichten, ruhig zu Hause. Vielleicht ist es genau das, was es so schwer macht, ehrlich auf die Frage „Alles schick?“ zu antworten. Denn wo fängt man überhaupt an?
Wenn „passt schon“ nicht mehr reicht
Es gibt viele Situationen, in denen ein kurzes „passt schon“ völlig in Ordnung ist. Nicht jede Frage nach dem Befinden ist eine Einladung zu einem ehrlichen Gespräch. Aber es gibt auch Momente, in denen genau das zum Problem wird. Dann, wenn Dinge eigentlich angesprochen werden müssten aber untergehen, weil niemand damit anfängt. Wenn alles immer nur „passt schon“ ist, bleibt wenig Raum für echte Auseinandersetzung. Denn zwischen „alles gut“ und „alles schlecht“ gibt es etwas, das oft zu kurz kommt: Ehrlichkeit.
Oft ist „passt schon“ Teil eines Ablaufs, einer Art stillem Protokoll, dem wir gelernt haben in sozialen Situationen zu folgen. Ich zeige dir meine guten Seiten. Du zeigst mir deine. In der Sozialpsychologie ist von Selbstpräsentation die Rede. Menschen versuchen bewusst, einen bestimmten Eindruck zu vermitteln. Wir schlüpfen kollektiv in eine Rolle, in der wir uns möglichst stark, kompetent und kontrolliert zeigen wollen. Eine Rolle, in der wir funktionieren.
Probleme passen nicht in dieses Bild, weshalb wir sie runterspielen, relativieren oder schlicht nicht nach außen tragen, ob bewusst oder unterbewusst. Wir haben das Gefühl, wir müssten „funktionieren“. Mit der Folge, dass wir uns mit Schwierigkeiten alleingelassen fühlen, obwohl es anderen ähnlich geht.
Schon gewusst?:
Dieses Phänomen nennt sich Pluralistische Ignoranz. Wir nehmen an, dass unsere eigenen Einstellungen oder Verhaltensweisen von denen der anderen abweichen, selbst, wenn das nicht der Fall ist. Viele Menschen fühlen sich unsicher, glauben aber, sie wären die Einzigen, weil ihr Umfeld die eigenen Zweifel nicht zeigt. Gerade bei abstrakten, emotional beladenen Themen ist das der Fall. Was kommt nach der Schule? Komme ich mit allem hinterher? Was, wenn alles noch teurer wird?
Die einfachste Antwort ist dann oft: Wird schon irgendwie. Nicht weil es stimmt, sondern, weil es die kürzeste Antwort auf eine komplizierte Situation ist. Unser Gehirn reagiert auf zu viele komplexe Informationen oft mit Vereinfachung oder Ausblendung. Das schützt kurzfristig, kann aber dazu führen, dass wichtige Themen oberflächlich bleiben.
Was im Privaten beginnt, zeigt sich auch im Gesellschaftlichen. Inflation wird zur Zahl, Konflikte zu Schlagzeilen, Meinungen zu Fakten. Das bekommen wir alles mit, noch zudem in einer Schlagzahl, die es schwer macht auf Meldungen zu reagieren, ehe schon die nächste im Feed landet.
Viele große Themen wirken so gleichzeitig präsent und doch entfernt. Du hörst davon. Du weißt, dass sie wichtig sind. Aber im eigenen Alltag sind sie oft schwer greifbar. Das führt dazu, dass du zwar informiert, aber nicht wirklich handlungsfähig bist. Die schnelle, einfache Antwort auf schwierige Themen wird deshalb zur Gewohnheit, schließlich können wir eh nichts machen, außer abzuwarten und Tee zu trinken.
Oder?
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Den langen Weg wählen
Die ehrliche Antwort auf diese Frage ist: Doch, man kann etwas machen. Und wie jede große Veränderung, fängt auch diese im Kleinen, bei dir und mir an.
Ein guter Start ist es zum Beispiel, eine Nachricht nicht nur zu überfliegen, sondern kurz zu hinterfragen. Oder im Unterricht, bei der Arbeit oder an der Uni nachzufragen, wenn etwas unklar bleibt, statt sich irgendwie durchzuhangeln. Und natürlich: nicht „passt schon“ zu sagen, kurz innezuhalten und eine echte Antwort zu formulieren.
Selbst, wenn tatsächlich „alles schick“ ist und irgendwie passt, kannst du deinen Verstand und dein Verhalten trainieren, indem du dir angewöhnst, Gedanken zu artikulieren, statt den kurzen Ausweg zu wählen.
„Alles schick?“ wird zum Problem, wenn es die einzige Antwort bleibt. Nicht, weil man immer alles aussprechen muss. Sondern weil man aufhört, weiterzudenken. Handlungsfähig wird man nicht dadurch, dass man alles weiß und kennt. Sondern dadurch, dass man anfängt, die richtigen Fragen zu stellen. Indem du dich zwingst, genauer hinzuschauen, werden die Geschehnisse um dich herum greifbarer und verständlicher.
Sobald du anfängst Fragen zu stellen, eröffnet sich die Möglichkeit, Antworten zu erhalten. Denn ein einfaches „passt schon“ reicht nicht aus, um uns kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen, zu lernen und zu wachsen.