Sprengberechtigter werden: Platz für Neues schaffen

Peng! Sie drücken auf einen großen roten Knopf und schon fällt ein Hochhaus in sich zusammen. Das ist alles, oder? Tatsächlich gehört noch viel mehr zum Job eines Sprengmeisters.

 

Matthäi Bauunternehmen: Sprengberechtigter

Beim Sprengen ist Teamwork sehr wichtig. Ulrike Matthes und ihre Kollegen müssen sich immer aufeinander verlassen können. Fotos: Matthäi Bauunternehmen

Ulrike Matthes ist Sprengberechtigte – so heißt der Beruf offiziell – bei der Thüringer Sprenggesellschaft in Kaulsdorf und erzählt, was noch alles dahintersteckt und warum die Vorbereitung für eine Sprengung häufig mehrere Wochen dauert.

Warum sind Sie Sprengingenieurin geworden?

Ich bin durch Umwege zu meinem Beruf gekommen, denn Sprengingenieurin zu werden, war überhaupt nicht mein Plan. Ich habe an der Bauhaus Universität in Weimar Management für Bau, Immobilien und Infrastruktur studiert und bin Diplom Ingenieurin. Eigentlich wollte ich in meinem Beruf etwas erschaffen und nicht zu Fall bringen. Aber in Sprengkreisen sagen wir immer: „Wir schaffen Platz für Neues“. 2013 habe ich mich beruflich umorientiert und bin über eine Personalfirma zur Thüringer Sprenggesellschaft gekommen, da dort jemand mit ingenieurstechnischen Kenntnissen gesucht wurde.

Was machen Sie in Ihrem Beruf?

In meinem Job geht es um alles von der Planung bis hin zur Ausführung einer Sprengung. Wir erhalten meist von Abbruchunternehmen oder von öffentlichen Auftraggebern eine Anfrage, die wir erstmal prüfen, anschließend kalkulieren und ein Angebot erstellen. Bei größeren Sprengungen arbeiten wir mit Ingenieurbüros und Abbruchstatikern zusammen, die uns eine sogenannte Sprengstatik und Ausführungsplanung erstellen. Das ist unsere Arbeitsgrundlage, womit wir unsere Sprengung planen. Die Ausführungsplanung gibt uns unter anderem vor, welche Bereiche gesprengt werden müssen. Wir planen dann das Sprengverfahren, berechnen den notwendigen Sprengstoffbedarf und erstellen eine Zündplanung. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel in Leipzig einen 170 Meter hohen Schorn stein über eine Dreifachfaltung sprengtechnisch niedergeführt. Dieser ist wie ein Zollstock ineinander zusammengefallen.

Heutzutage gehört aber auch viel Organisatorisches dazu. Neben der Erstellung von Gefährdungsbeurteilungen werden in Behördenrunden und Beratungsterminen Absperrbereiche festgelegt, notwendige Evakuierungen besprochen und Anliegerinformationsveranstaltungen geplant.

Ist der Beruf gefährlich?

Nein. Wir sind alle so ausgebildet, dass wir wissen, wie wir mit Sprengstoff umzugehen haben. Außerdem sind die Sprengstoffe und Zündmittel alle handhabungssicher.

Sprengberechtigte Ulrike

Sprengberechtigte Ulrike Matthes

Sprengung

2023 hat die Thüringer Sprenggesellschaft diesen 170-Meter-Schornstein in Leipzig erfolgreich gesprengt.

Und ist er körperlich anstrengend?

Ja. Es ist wie auf dem Bau. Wenn ich Sprengberechtigter werden möchte, muss mir bewusst sein, dass es gefühlte 40 Grad Celsius in einem Steinbruch sein können oder im Winter auch mal Minusgrade. Das sind aber nur einzelne Momente und wir sind entsprechend der Witterung gekleidet. Bei Abbruchsprengungen, also der Sprengung von Bauwerken, müssen wir die Bohrlöcher, in die der Sprengstoff dann eingebracht wird, selbst bohren. Das muss man schaffen. Ganz wichtig ist auch, dass man keine Höhenangst hat, denn gerade bei einem Schornstein müssen wir auch mal auf 120 Meter Höhe.

Was gefällt Ihnen am meisten?

Die Abwechslung und dass der Beruf so kommunikativ ist. Es ist Teamwork, denn eine einzelne Person macht keine Sprengung aus – weder der, der am Ende den Knopf drückt, noch der, der den Befehl zur Sprengung erteilt. Am Ende ist es auch die Herausforderung und das Erfolgserlebnis, wenn man sieht, dass die Sprengung so verläuft wir geplant. Man lernt immer wieder dazu, denn jede Sprengung ist einmalig. 

Was sind die größten Herausforderungen?

Am herausforderndsten ist, alles so zu koordinieren, dass es am Ende wie geplant funktioniert. Zum einen muss die Sprengung funktionieren, aber auch die Absicherung und Absperrung müssen passen, sodass keine fremden Personen in den Gefährdungsbereich hineingehen. Eine ganz große Herausforderung ist, wenn man enge (zeitliche) Vorgaben hat – zum Beispiel, wenn die Deutsche Bahn mit ins Spiel kommt: Wenn wir etwas in der Nähe von Bahngleisen sprengen und sie uns ein enges Zeitfenster vorgibt, darf wirklich nichts dazwischenkommen.

Welche war Ihre einprägsamste Sprengung?

Eine Sprengung, die für mich sehr einprägsam war, war meine erste Sprengung einer Windkraftanlage als Sprenghelfer. Ich weiß noch, wie wir den Stahlturm gesprengt haben … und es ist nichts passiert. Er stand, wie er stand. Dann erst ist er richtig langsam angekippt. Aber das war normal, ich wusste es nur nicht. Ich dachte, wir sprengen jetzt, es knallt und dann fällt er um. Aber bevor dieser Turm in Bewegung gekommen und über den Schwerpunkt gekippt ist, hat das ein bisschen gedauert.

Haben Sie eine „Berufsmacke“?

Eigentlich nicht. Aber was man vielleicht sagen kann, ist, dass ich früher in den Urlaub gefahren bin und mir die Landschaft angeschaut habe. Jetzt fahre ich mit meiner Familie weg und sage: „Guckt mal, da steht ja noch ein Schornstein. Den könnte man aber schön sprengen.“

So wirst du Sprengmeister
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