Arbeiten, die unter die Haut geht

Ein Tattoo ist heute für viele mehr als nur Körperschmuck. Es ist Erinnerung, Statement oder einfach Kunst auf der Haut. Dass hinter der Nadel aber weit mehr steckt als kreative Motive und Studio-Vibes, zeigt der Alltag von Alex.

 

Seit 15 Jahren arbeitet Alex als Tätowierer, seit 4 im eigenen Laden. Fotos: Clarissa Worms

Seit 15 Jahren arbeitet Alex als Tätowierer, seit vier Jahren betreibt er gemeinsam mit seiner Partnerin ein eigenes Studio in Jena. Wie die meisten Tätowierer hat auch er sein Hobby zum Beruf gemacht, denn der Weg dorthin folgt keinem festgelegten Karriereplan. Für den Beruf gibt es keine staatlich anerkannte Ausbildung. Wer ihn ausüben will, muss sich Wissen, Technik und Erfahrung selbst erarbeiten. Doch der Einstieg bringt auch Druck mit sich: „Man macht das ja auch, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und derjenige, dem ich etwas steche, trägt das sein Leben lang mit sich rum. Die Verantwortung wird einem schlagartig klar, und das erzeugt Druck.“

Ein sozialer Beruf

Die Tattoo-Szene selbst hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Was früher verrufen war, ist heute längst im Mainstream angekommen. Tattoos sind akzeptierter geworden. Gleichzeitig ist die Konkurrenz deutlich gewachsen, was neue Anforderungen mit sich bringt. Allen voran die Sichtbarkeit auf Social Media, die heutzutage unverzichtbar ist. Auch die Technik hat sich weiterentwickelt. Mit modernen Maschinen ist es leichter geworden, gute Ergebnisse zu erzielen, weshalb immer mehr Menschen den Beruf ausprobieren.

Umso wichtiger sei es, sich eine Stammkundschaft aufzubauen. Viele Tätowierer arbeiten selbstständig, selbst wenn sie Teil eines Studios sind. Dadurch zählt jeder Auftrag. Wichtig sei aber nicht nur das handwerkliche Können, sondern vor allem der zwischenmenschliche Aspekt. „Ich würde sogar sagen, das ist das Wichtigste. Wir stechen oft Motive, die direkten Bezug auf Lebensereignisse nehmen. Oft auch trauriger Natur. Da muss man Mitgefühl und das Interesse mitbringen, sich damit auseinanderzusetzen. Das ist es am Ende, was das Vertrauen stärkt.“

Überstunden inklusive

Auch Alex kennt diesen fordernden, teils langen Arbeitsalltag. Der Job endet selten nach acht Stunden. Sitzungen dauern manchmal länger als geplant und viele Motive entstehen erst abends am heimischen Schreibtisch. Dass er das Studio gemeinsam mit seiner Partnerin betreibt, hilft im Alltag. „Ich bin froh, dass meine Partnerin den Beruf kennt und versteht. Anders würde das gar nicht gehen, wenn man manchmal bis in die Nacht Termine für den nächsten Tag vorbereitet und dadurch weniger Zeit füreinander hat.“

Je größer das Motiv, desto länger der Arbeitstag. Denn Alex macht erst Feierabend, wenn alles fertig ist.

Neben Kreativität verlangt der Job auch körperlich einiges ab. Tätowieren bedeutet oft stundenlanges Sitzen in konzentrierter, starrer Haltung. Besonders Nacken und Rücken werden dadurch stark belastet. „Ein guter Stuhl hilft auf jeden Fall, da sollte man nicht sparen. Auch Rückentraining ist meiner Meinung nach extrem wichtig. Damit sollte man definitiv nicht zu spät anfangen.“ Am wichtigsten ist jedoch, dass man seinen Job ernst nimmt und Freude daran hat.

Die Frage „Alles schick?“ bekommt im Tattoo-Kosmos deshalb eine ganz eigene Bedeutung. Natürlich geht es um Ästhetik. Aber eben auch um Verantwortung: für den Körper der Kunden, für die eigene Gesundheit und für einen Beruf, der Kreativität, Selbstständigkeit und Durchhaltevermögen miteinander verbindet.

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