Trust the Process: Warum Erwachsenwerden kein Sprint ist
Erwachsenwerden fühlt sich selten so an, wie es in Filmen aussieht. Kein klarer Schnitt, kein dramatischer Soundtrack, kein Moment, in dem plötzlich alles Sinn ergibt. Stattdessen: Chaos, Zweifel, To-do-Listen, Erwartungen von außen und die leise Frage im Kopf, ob du alles eigentlich „richtig“ machst. Doch was bedeutet Erwachsenwerden eigentlich? Und warum kann dich auch der beste Plan nicht auf jede Eventualität vorbereiten?
Foto: Jon Anders Wiken – adobe.stock
Erwachsenwerden passiert nicht auf Knopfdruck
Lass uns mit einem zwar abgedroschenen, aber wahren Sprichwort beginnen: Der Weg ist das Ziel. Was bedeutet das?
Viele junge Menschen erleben den Übergang ins Erwachsenenleben als Druckzone. Schule, Ausbildung, Studium, Job, alles scheint zeitlich getaktet und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Wer nicht mithält, hat schnell das Gefühl, zurückzufallen. Und wenn das „Ziel“ erreicht ist? Geht es nahtlos mit dem nächsten weiter.
Bleibt der Prozess, die Reise, nicht ein Stück weit auf der Strecke, wenn wir nur von Etappe zu Etappe hasten und versuchen Zeitpläne einzuhalten?
Manche ziehen mit 18 in die erste eigene Wohnung, andere mit 25 oder später. Manche wissen früh, was sie wollen, andere wechseln Studiengänge, Jobs oder Städte häufiger als ihre Unterwäsche. Das ist kein Versagen, sondern Entwicklung (mit Ausnahme der Unterwäsche, die sollte regelmäßig gewechselt werden).
Prozesse verlaufen nicht linear. Sie haben Umwege, Pausen und manchmal auch komplette Richtungswechsel. Eben wie eine Reise. „Trust the Process“ bedeutet nicht, alles passiv hinzunehmen. Es heißt, zu akzeptieren, dass Wachstum Zeit braucht und individuell stattfindet.
Was, wenn alles „egal“ ist?
Hattest du schonmal das Gefühl, alles wäre egal? Schule nervt, die eigene Zukunft macht Angst, die Motivation ist im Keller. Oft wird das schnell als Faulheit oder Desinteresse ausgelegt. Tatsächlich steckt dahinter häufig Überforderung.
Psycholog:innen sprechen bei anhaltender Gleichgültigkeit von Apathie oder emotionaler Erschöpfung. Das kann auftreten, wenn Stress zu lange anhält, Erwartungen zu hoch sind oder Orientierung fehlt. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören Sinnverlust und emotionale Leere zu typischen Reaktionen auf Dauerbelastung, besonders bei jungen Menschen, die viele Entscheidungen gleichzeitig treffen müssen (Ausbildung, Beziehungen, Zukunft) [WHO, 2022: Mental health of adolescents].
Die Phase zwischen 14 und 25 ist entwicklungspsychologisch eine Zeit der Identitätssuche. Der Psychoanalytiker Erik Erikson nannte sie den „Konflikt zwischen Identität und Rollendiffusion: Wer bin ich und wer soll ich sein?“ [Erikson, E. H.: Identity: Youth and Crisis] Dauerstress, Leistungsdruck und der ständige Vergleich über Social Media können emotional auslaugen und dazu führen, dass dein „Selbst“ nicht zu dem passt, was dir als Idealbild angezeigt wird. In solchen Fällen kann es ein Schutzmechanismus des Gehirns sein, sich davon zu distanzieren und alles als „egal“ anzusehen.
Im Englischen gibt es den Begriff „growing pains“, wörtlich übersetzt die Wachstumsschmerzen. Dein Körper verändert sich und nimmt diese Veränderungen bewusst wahr, beispielsweise indem dir der Rücken, die Beine oder die Arme wehtun. Im übertragenen Sinne beschreibt diese Begrifflichkeit aber auch den emotionalen Zustand des Wachsens. Denn Wachsen bedeutet Veränderung, äußerlich wie innerlich. Und mit Veränderungen umzugehen ist ein Skill, den ein Mensch im Laufe des Lebens erst lernt.
Das ist an manchen Stellen mit Problemen und, ja, auch mit Schmerzen verbunden. Sich davon zu distanzieren, mag sinnvoll erscheinen, wirkt dem eigenen Wachstum aber eher entgegen. Was dir jetzt als „egal“ erscheint, wird nicht immer egal bleiben. Das, was dich jetzt interessiert und umtreibt, wird vielleicht nicht für immer an deiner Seite sein. Stattdessen findest du irgendwann neue Interessen, neue Hobbys, neue Leidenschaften. Das ist ganz normal und der Übergang von einer Phase in die nächste braucht vor allem eines: Zeit.
Scheitern gehört dazu
Scheitern ist eines der größten Tabus unserer Zeit. Besonders auf Social Media sieht alles nach Erfolg aus. Wunderschöne Reisen, perfekte Karrieren, gestählte Körper, skalierende Cashflows. Was fehlt, sind die Geschichten dazwischen. Die Absagen, die Zweifel, die Umwege.
Dabei ist Scheitern ein zentraler Bestandteil von Entwicklung. Nicht umsonst heißt es: Aus Fehlern lernt man (Ja, ich weiß, auch abgedroschen. Aber steckt nicht auch in ausgelutschten Phrasen oft ein Fünkchen Wahrheit?) Wer nie scheitert, hat meist nie wirklich etwas riskiert.
„Trust the Process“ bedeutet auch, Rückschläge nicht als persönliches Versagen zu interpretieren, sondern als Feedback. Nicht alles klappt und das ist okay.
Ein schlechtes Zeugnis oder ein verhauenes Prüfungsergebnis fühlt sich beispielsweise oft endgültig an. Besonders in einem System, das Leistung messbar macht, entsteht schnell der Eindruck: Das war’s jetzt.
Doch Noten messen vor allem einen Moment, nicht das Potenzial eines Menschen. Jeder bringt Talente und Fähigkeiten mit, die von Noten nur bedingt abgebildet werden können. Viele erfolgreiche Menschen sind nicht durch perfekte Lebensläufe aufgefallen, sondern durch ihre Fähigkeit, Rückschläge zu verarbeiten. Der entscheidende Punkt ist also nicht das Scheitern selbst, sondern der Umgang damit. Was lief schief? Was kann ich anders machen? Wen kann ich um Hilfe bitten, wenn ich selbst nicht mehr weiterweiß?
Mit Feedback umgehen
Feedback zu bekommen ist selten angenehm. Kritik kratzt am Selbstwert, besonders wenn man sich ohnehin unsicher fühlt. Doch konstruktives Feedback ist ein Werkzeug, kein Angriff.
Entscheidend ist, zwischen destruktiver Kritik und hilfreichem Feedback zu unterscheiden. Nicht jede Meinung zählt gleich viel. Wichtig ist, von Menschen zu lernen, die es gut mit dir meinen und ehrliches Interesse haben, dir etwas beizubringen.
Feedbackkultur heißt aber nicht nur, kritikfähig zu sein, sondern auch, selbst Feedback geben zu können. Und zwar so, wie du es selbst erhalten möchtest: Respektvoll, ehrlich und auf Augenhöhe. Kommunikation ist eine Schlüsselkompetenz im Erwachsenenleben, und sie entwickelt sich mit Übung. Und ganz ehrlich: Selbst Erwachsenen fällt es schwer, angemessen miteinander umzugehen. Mach dir also keinen allzu großen Kopf, wenn es hier und da mal ein Missverständnis gibt.
Warum man dem Prozess vertrauen darf
Du wirst auf deinem Weg keine Schilder finden, die dir sagen, wo du abbiegen musst. Es gibt keine Checkliste, die sich einfach abhaken ließe. Stattdessen gibt es Erfahrungen, Möglichkeiten, Entscheidungen, Fehler und Lernmomente.
Dem Prozess zu vertrauen bedeutet, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Es bedeutet, geduldig mit sich selbst zu bleiben. Sich zu erlauben, nicht alles zu wissen. Und anzuerkennen, dass Entwicklung Zeit braucht.
Das Leben ist ein Prozess, der chaotisch, herausfordernd und frustrierend sein kann. Manchmal sogar alles auf einmal. Aber er steckt auch voller Gelegenheiten zur Entwicklung.
Ein Ziel vor Augen zu haben ist gut. Ebenso wichtig ist es aber, überhaupt unterwegs zu sein. Und die Reise zu genießen.