Rettung aus allen Lagen

„Wir sind überall dort im Einsatz, wo der Rettungswagen nicht hinkommt“, erklärt Einsatzleiter Enrico Finn kurz und bündig, was es mit der DRK Bergwacht Masserberg auf sich hat. Also immer dann, wenn jemand auf dem Rennsteig ausrutscht, sich den Fuß verknackst und nicht mehr weiterkommt, sich beim Klettern verletzt hat oder sich im Winter beim Langlaufen auf der Loipe das Knie verdreht hat. Oder wieder in kurz: bei Rettung aus unweg­samem Gelände.

Anne und Johannes sind Anwärter in der DRK Bergwacht Masserberg.

„Seil kommt!“, ruft Anne vom Langert­felsen herunter und wenige Sekunden später saust tatsächlich ein circa sechs Kilogramm schweres Seil für das spätere Abseilen hinab.

Solche und zahlreiche weitere Kommandos muss sie als zukünftige Bergretterin kennen. Sie und Johannes sind zwei der drei Bergwacht-Anwärter, die in Masserberg derzeit ihre Aus­bildung zum ehrenamtlichen Bergretter ab­solvieren. Nur aus diesem Grund dürfen sie sich vom Langertfelsen abseilen, für Hobby-Kletterer ist das verboten.

Johannes ist von klein auf in den Bergen unterwegs gewesen:

„Als Kinder sind wir immer schon mit auf alle Berge“, erinnert sich der 21-Jährige. Als er jünger war, hat er auch schon bei den Übungen und der Ausbildung teilgenommen – aber als Übungs­opfer. Mittlerweile hat er das Retten zu seinem Beruf gemacht und ist ausgebildeter Rettungs­sanitäter.

In Thüringen gibt es insgesamt 27 Bergwachten – 14 davon verteilen sich entlang des Thüringer Waldes und der Vorderen Rhön.

Die insgesamt zwölf aktiven Einsatzkräfte aus Masserberg sind sowohl im Winter als auch im Sommer im Einsatz, auch wenn laut Enrico im Winter mehr zu tun sei: „Meistens rücken wir wegen Knochenbrüchen aus. Im Winter durchschnittlich zwischen acht und zwölf Mal, im Sommer circa vier bis sechs Mal.“

Bei den Einsätzen mit dabei sind auch Anne und Johannes, auch wenn sie noch ein gutes Jahr ihrer Bergretter-Ausbil­dung vor sich haben.

„Wir dürfen auch schon mit ausrücken“, erklärt die 21-Jährige, die an der Hochschule Coburg dual Versicherungswirtschaft studiert. „Wir unterstützen dann bei den Maßnahmen oder führen beispielsweise das Protokoll.“ Sie engagierte sich bereits für eine längere Zeit im Förderverein der Bergwacht, bevor sie vor gut einem Jahr in die Bergrettung reingeschnuppert hat. „Das Klettern macht Spaß und die Kameradschaft ist toll. Außerdem macht es Spaß, den Leuten helfen zu können, deswegen habe ich mich für die Ausbildung entschieden.“

Die Ausbildung zum aktiven Berg­wachtler dauert zwei Jahre, in dieser Zeit nennt er sich Bergwacht-Anwärter.

Dieser zweijährige Lehrgang wird vom DRK-Landesverband meistens in Oberhof angeboten. Zu Beginn steht jedoch eine Eingangsprüfung auf dem Plan, bei denen die zukünftigen Anwärter beweisen müssen, dass sie körperlich und mental in der Lage sind, ehrenamtliche Bergretter zu sein. Später müssen sie unter anderem Prüfungen in der Sommerrettung, Winterrettung, Notfallmedizin, Naturschutz und der Funkausbildung absolvieren. Noch bevor es zur Eingangsprüfung geht, steht jedoch die ortsspezifische Ausbildung in der Ersten Hilfe, Sanitätsdienst, der bergwachtspezifischen Ausbildung im Klettern und im Umgang mit Rettungsgeräten an. „Bei den Eignungstests im Winter sind wir Ski gefahren – Langlauf und alpin. Damit dort die Grundlagen sitzen“, erklärt Anne. „Im Sommereignungstest sind wir geklettert und hatten eine Fitnessprüfung zum Gehen im unwegsamen Gelände.“

Angst vor der Höhe verspürt Anne nicht.

Ob die Bergwacht bei einem Unfall im Wald gebraucht wird, entscheidet die Leitstelle, erklärt der Einsatzleiter:

„Sollte die der Meinung sein, dass wir gebraucht werden, werden wir über Funkmeldeempfänger ähnlich wie bei der Feuerwehr alarmiert.“ Auch der Notfallsanitäter vor Ort kann entscheiden, ob er sie braucht oder nicht. Ein Tipp für Wanderer und andere Aktive im Wald: „Wenn man im unwegsamen Gelände verunglücken sollte und sich nicht sicher ist, ob der Rettungsdienst dort hinkommt, dann am Telefon gleich sagen: ‚Wir benötigen die Bergwacht.‘“

Und wie findet die Bergwacht die konkre­te Einsatzstelle?

Enrico Finn: „Um die betroffene Person zu finden, haben wir verschiedene Möglichkeiten. Der­jenige, der den Notruf absetzt, sollte natürlich versuchen, die Umgebung so genau wie möglich zu beschreiben. Oder sich merken, wann man von wo losgelaufen ist. Wenn jemand sagt, er sei vor zehn Minuten an der Werraquelle losgelaufen, hilft uns das, den Suchradius einzukreisen.“ Zudem kann man mithilfe des Handys seine GPS-Daten an die Leitstelle übermitteln. „Was oft nicht funktioniert, was aber im Fernsehen oft zu sehen ist, ist die Handyortung über den Netzbetreiber. Dafür werden mindestens drei Handymasten benötigt und das ist hier in der Region nur sehr selten der Fall.“ Es gibt auch markierte Schilder im Wald, sogenannte Forstrettungspunkte, deren Buchstaben-und-Zahlen-Kombination ebenfalls gute Anhaltspunkte für die Retter sind. (sa)

Johannes war schon als Kind viel in den Bergen unterwegs. Fotos: Sandra Böhm

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