Berufswahl im KI-Zeitalter: 
Worauf es jetzt ankommt

Arbeitsmarktforscherin Dr. Katharina Grienberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erklärt, welche Folgen Künstliche Intelligenz
für die Berufswahl junger Menschen hat.

Interview: Sandra Böhm

Dr. Katharina Grienberger

Dr. Katharina Grienberger

Leiterin der Arbeitsgruppe Digitale und ökologische Transformation

ist Volkswirtin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Seit 2020 leitet sie dort die Arbeitsgruppe „Digitale und ökologische Transformation“ und forscht zu den Effekten der digitalen Transformation auf den Arbeitsmarkt.

Daraus ist unter anderem das Online-Tool „Job-Futuromat“ entstanden, das jeden in Deutschland bekannten Beruf auf seine Automatisierungswahrscheinlichkeit prüft.

Wie stark verändert KI den Arbeitsmarkt aktuell – und wie viel ist eher Hype?

Auch wenn das Thema aktuell stark medial präsent ist und ein enormer technologischer Wandel spürbar ist, handelt es sich nicht nur um einen Hype. Es ist eine offene Frage, inwiefern die Veränderungen wirklich rasanter sind als vorherige technologische Revolutionen. Das wird man erst am Ende des Tages wirklich gut beantworten können. Aber KI wird bleiben und Einfluss auf die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt haben.

Inwiefern unterscheiden sich die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die dank KI entstehen, von denen aus vorherigen technologischen Revolutionen wie zum Beispiel Computer oder Roboter?

Insgesamt ist es so, dass vor allem Helfer- und Fachkraftberufe betroffen sind. Interessant ist, dass in den letzten Jahren zunehmend Expertenberufe betroffen sind. Wegen der generativen Künstlichen Intelligenz sind es jetzt Hochqualifizierte, die die Digitalisierung verstärkt zu spüren bekommen. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall.

Des Weiteren ist es so, dass vor allem Fertigungs- und fertigungstechnische Berufe betroffen sind. Also Berufe, in denen Anlagen, Güter, Autos produziert werden. Den größten Zuwachs haben allerdings in den letzten Jahren die bis dato nur wenig betroffenen IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufe erfahren.

Warum?

Durch die generative KI werden jetzt zunehmend Tätigkeiten wie Programmieren zu ersetzbaren Tätigkeiten.

Sieht so die Zukunft aus? Wie KI und Roboter unseren Arbeitsmarkt verändern und welchen Einfluss das auf die Wahl der Ausbildung hat. Foto: ihorvsn – stock.adobe.com

Was hat das zur Folge?

Es wird sich dadurch sehr viel verändern: Berufsbilder werden sich verändern. Neue Tätigkeiten werden in den Berufsbildern hinzukommen, auch neue, die wir heutzutage vielleicht noch gar nicht kennen. Alte ersetzbare Tätigkeiten werden aus den Berufsbildern herausfallen, etwa das Berechnen, was ja wirklich jeder Computer kann.

Gleichzeitig entstehen neue Berufe – etwa KI-Manager, Data Scientists oder Kaufleute im E-Commerce. Was wir aber weniger beobachten können, ist, dass ganze Berufe komplett verschwinden. Das ist tatsächlich eher selten der Fall. Oftmals ist es  stattdessen so, dass zwei alte Berufe zu einem neuen Beruf zusammengefasst werden. Ein schönes Beispiel sind die Elektroniker und Mechaniker, die zum Mechatroniker zusammengeschmolzen sind.

Welche Berufe und Tätigkeiten sind denn dann besonders zukunftssicher?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Denn wir gucken ja nur darauf, ob es technisch mit Computern, Robotern und KI möglich ist, die Tätigkeiten eines Berufs zu ersetzen. Aber ob sie tatsächlich ersetzt werden, ist fraglich. Denn es kann ja sein, dass die menschliche Arbeit trotzdem von besserer Qualität, flexibler oder billiger ist. Die Investition in einen Roboter, der die Tätigkeit übernimmt, könnte zu teuer sein.

Sicherlich werden in Zukunft digitale Kompetenzen vermehrt nachgefragt, aber auch soziale Kompetenzen wie Kooperationsbereitschaft, Empathie, aber auch fachübergreifende Kompetenzen, kreative Problemlösungskompetenzen oder in übergreifenden, innovativen Prozessen denken zu können, werden immer wichtiger.

Was bedeutet es dann aber, wenn ein Beruf laut dem Job-Futuromat, einem Online-Tool des IAB, eine sehr hohe Automatisierungswahrscheinlichkeit hat?

Bei Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial werden sich die Tätigkeiten und der Arbeitsalltag  wahrscheinlich deutlich verändern. Einige Tätigkeiten werden wahrscheinlich von einer KI übernommen oder zumindest wird die KI als Hilfestellung genutzt. Der Mensch hat dann mehr Zeit für die nicht-ersetzbaren Tätigkeiten in seinem Beruf.

Wichtig ist aber zu sagen, dass nur weil Roboter und KI Tätigkeiten ersetzen könnten, es nicht dazu kommen muss. Im Job-Futuromat liegt der Wert beim Bäcker/in zum Beispiel bei 100 Prozent. Es ist also im Prinzip technisch machbar, alle Tätigkeiten zu ersetzen. Trotzdem gibt es immer noch Bäcker, weil vielleicht die Kunden das Brot vom Bäcker um die Ecke mehr wertschätzen als ein industriell gefertigtes Brot.

Und für Berufe mit geringem Automatisierungspotenzial?

Ich denke, jeder muss sich ein Stück weit mit KI befassen. Dann wird man auch weiterhin gute Arbeitsmarktchancen haben. Das gilt auch für Berufe mit einem geringen Automatisierungspotenzial, wie bei Erziehern, Altenpflegern und Ärzten, wo soziale Kompetenzen gefragt sind. Das kann KI derzeit sehr schlecht übernehmen, aber auch in diesen Berufen hält KI Einzug. Sie kann bei den Altenpflegern zum Beispiel die Pflegedokumentation übernehmen.

Würden Sie jungen Menschen demnach raten, nur noch einen Beruf mit geringem Automatisierungspotenzial zu erlernen?

Nein. Jungen Leuten würde ich weiterhin raten, sich auf das zu konzentrieren, was ihnen Spaß macht und worin ihre Stärken liegen. Es würde nichts bringen, alle jungen Menschen in Berufe zu stecken, die ihnen gar nicht liegen. Denn man weiß nie, wie sich das alles in Zukunft entwickelt. Wenn sich der eigene Beruf verändert, muss man sich weiterbilden, sich mit neuen Technologien befassen sowie eine gewisse Offenheit und Veränderungsbereitschaft mitbringen.

 

Wenn durch KI gerade höher qualifizierte Berufsgruppen gefährdet sind, sollte man sich dann lieber breiter aufstellen, statt zu spezialisieren?

Ich glaube eher, dass Berufswege künftig flexibler werden. Wechsel zwischen verschiedenen Berufen dürften einfacher werden. Dennoch bleibt spezifisches Hintergrundwissen wichtig. Man muss trotzdem Problemlösungskompetenzen haben und dazu braucht man Fachwissen, etwa wie ein KI-System zu einem Ergebnis kommt und wie man das Ergebnis einordnen muss.

Werden bald viele Menschen wegen des Einsatzes von KI arbeitslos?

Befürchtungen vor einem massiven Beschäftigungsabbau sind derzeit unbegründet. Durch den Einsatz von neuen Technologien entstehen auch neue Arbeitsplätze. Es braucht Fachkräfte, die die neuen mobilen Roboter und KI-Systeme bauen, warten und entwickeln. Im Zuge der Digitalisierung können aber auch Produkt-, Prozess- und Dienstleistungsinnovationen sowie Produktivitätswachstum zu Preissenkungen führen. Man kann mit gleichem Einsatz von Arbeit möglicherweise billiger produzieren, dadurch sinken die Preise und die Nachfrage nach den neuen Produkten steigt. Dadurch können auch zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Das heißt, im Zuge der Digitalisierung werden zwar einerseits Arbeitsplätze wegfallen, aber andererseits auch neue Arbeitsplätze entstehen und am Ende des Tages hält sich das die Waage.

Die Herausforderungen liegen somit nicht im Arbeitsplatzabbau, sondern eher in der sich stark verändernden Berufs- und Branchenstruktur. Berufsbilder verändern sich, alte ersetzbare Tätigkeiten fallen möglicherweise weg und es kommen neue Tätigkeiten und neue Berufe hinzu.

Deswegen sehen wir die größte Herausforderung bei der Bildung bzw. Weiterbildung. Bereits in der Schule müssen Voraussetzungen für den Umgang mit Computern geschaffen werden. Aber auch Ausbildungen müssen so gestaltet werden, dass alle Auszubildenden mit den neuesten technologischen Innovationen vertraut gemacht werden. Eine Erstausbildung oder ein Studium sind zwar weiterhin eine solide Basis. Da das Wissen aber immer schneller veraltet, muss lebenslanges Lernen zur Normalität werden. Man muss offen bleiben, Neues ausprobieren und sich mit den neuen Technologien auseinandersetzen. Dann ist und bleibt man fit für den Arbeitsmarkt und hat auch weiterhin gute Arbeitsmarktchancen. (sa)

von | 25.08.2026 | Für Eltern

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