Mein Kind bricht die Ausbildung ab: was jetzt?

Fast jeder dritte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig aufgelöst. Was sich nach Scheitern anfühlt, ist oft der erste Schritt zu einer besseren Entscheidung – für Ihr Kind und für Sie.

Fast 30 Prozent der Ausbildungsverträge wurden 2024 in  Foto: © DC Studio – stock.adobe.com

Eigentlich hatte Mareike* (Name von der Redaktion geändert) einen klaren Plan für ihre Zukunft. Heilpraktikerin wollte sie werden, seit sie den Beruf als Jugendliche kennengelernt hatte. Allerdings gibt es für diesen Beruf keine klassische duale oder schulische Ausbildung. Deswegen entschied sie sich zunächst für die schulische Ausbildung zur Physiotherapeutin. Auch Praktika in diesem Bereich hatten ihr Spaß gemacht. Doch schon wenige Wochen nach Ausbildungsbeginn merkte sie: Das passt nicht.

Wir sollten jede Woche richtig viel lesen und das dann auswendig können“, erinnert sie sich. „Das  habe ich nicht geschafft und hatte ständig das Gefühl, hinterherzuhinken und den Stoff nie aufholen zu können. Das hat mich auch mental belastet.“

Wenn die Ausbildung krank macht

Das hat auch ihre Mama, Samira Lehmann*, mitbekommen: „Es ließ nicht lange auf sich warten, bis die ersten Anzeichen auftraten, dass sie mit der Ausbildung nicht glücklich war. Als sie nach der Schule heimkam, war sie leer. Sie war einfach ausgelaugt.“ Dazu kamen körperliche und seelische Erschöpfung sowie immer häufigere Krankmeldungen. Im Februar 2024 brach Mareike die Ausbildung ab.

Für ihre Mama war der Abbruch letztlich eine Erleichterung. „In meinen Augen war das kein Versagen, sondern ein mutiger Entschluss um ihrer selbst willen“, sagt Samira Lehmann. Heute ist Mareike im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Medienkauffrau und fühlt sich gut dabei. Sie schreibt gute Noten und ist auch mit den vielseitigen Aufgaben in ihrem Medienhaus glücklich.

„Es ließ nicht lange auf sich warten, bis die ersten Anzeichen auftraten, dass sie mit der Ausbildung nicht glücklich war. Als sie nach der Schule heimkam, war sie leer. Sie war einfach ausgelaugt.“

Samira Lehmann* (Name von Redaktion geändert), Mutter

Warum die Pandemie noch immer nachwirkt

Mit dieser Erfahrung ist Mareike nicht allein. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) wurden 2024 bundesweit und auch in Thüringen fast 30 Prozent der Ausbildungsverträge vorläufig aufgelöst. Das bedeutet jedoch nicht automatisch einen endgültigen Ausbildungsabbruch. Viele Jugendliche wechseln stattdessen den Betrieb, setzen ihre Ausbildung an anderer Stelle fort oder orientieren sich beruflich neu.

Viele Ausbilder und Schulen beobachten eine gestiegene psychische Belastung bei den Jugendlichen. Uwe Schöneck, Schulleiter der Euro-Akademie in Erfurt, nimmt einen Anstieg psychischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren wahr und zieht eine Parallele zur Corona-Pandemie. Auch Heike Schult-Sikorksky, Bereichsleiterin Ausbildung am Uniklinikum Jena, bemerkt, dass die Post-Corona-Jahrgänge teilweise psychische Erkrankungen in unterschiedlicher Stärke zeigen.

Auch Zahlen des DAK-Kinder- und Jugendreports deuten auf eine zunehmende psychische Belastung junger Menschen hin. Gerade bei den 15- bis 17-Jährigen ist 2024 demnach ein starker Anstieg von Angststörungen im Vergleich zu 2019 zu verzeichnen.

Der Praxisschock: Wenn die Realität Erwartungen überholt

Weitere Gründe für abgebrochene Ausbildungen sind laut Schöneck und Schult-Sikorksky falsche Vorstellungen vom Beruf und ein Praxisschock. „Es kommt schon mal vor, dass die Auszubildenden schon zu Beginn der Ausbildung unsicher sind, ob das die richtige Ausbildung ist“, so Schult-Sikorksky.

Gerade familiärer Druck, direkt nach der Schule eine Ausbildung beginnen zu müssen, könne später zu Ernüchterung und Motivationsverlust führen. In sozialen Berufen sei auch die körperliche und psychische Belastung nicht zu unterschätzen.

Die Gründe für einen Ausbildungsabbruch können aber auch andernorts verankert sein. Die Gewerkschaft IG Metall Mitte sieht weitere Ursachen in mangelhafter Ausbildungsqualität. Diese zeige sich häufig durch ausbildungsfremde Tätigkeiten oder durch fehlende oder nicht eingehaltene Ausbildungspläne. Darüber hinaus könnten viele Auszubildende nicht von ihrer Ausbildungsvergütung selbstständig leben und seien so abhängig von ihren Eltern oder müssten einem Nebenjob nachgehen.

Erste Warnsignale – und was Betriebe tun

Erstes Anzeichen für Probleme, die zu einer gefährdeten Ausbildung führen können, ist laut Schult-Sikorksky eine sinkende Zuverlässigkeit. Die Auszubildenden kämen nicht mehr pünktlich, fehlten unentschuldigt und erledigten ihre Aufgaben nicht mehr oder nicht mehr den Anforderungen entsprechend. „Meistens gehen sie dann nicht mehr gerne in die Schule – insbesondere, wenn Prüfungen anstehen“, erläutert sie näher.

Dabei handele es sich oft um einen schleichenden Prozess, wie Sophie Heinze, Sozial- und Integrationsmanagerin im Ausbilderteam am Universitätsklinikum, weiß: „Mal haben sie sich abgemeldet, dann wieder nicht. Manche reagieren dann auch gar nicht mehr und es findet ein Ghosting statt, selbst auf Anfragen vom  Personalmanagement.“

Heinze fungiert neben den  Ausbildungsleitern als Anlaufstelle für sämtliche Probleme der Auszubildenden. Gemeinsam würden sie versuchen, herauszufinden, wo das akute Problem besteht, und was individuell getan werden kann, um die Situation zu verbessern. „Wir stülpen den Auszubildenden keine Schablone über“, betont sie.

In den Gesprächen sei es aber wichtig, dass die Auszubildenden sich öffneten und sagten, was das Problem sei. Dann kann sie entsprechend konkret nach Lösungen suchen: Liegen Lernschwierigkeiten vor, bohrt sie weiter, ob es am Verständnis oder an der Organisation des Lernstoffes hapert und erstellt zum Beispiel einen Lernplan. In anderen Fällen greift sie auf externe Partner zurück oder vermittelt den Jugendlichen medizinische Unterstützung.

„In meinen Augen war das kein Versagen, sondern ein mutiger Entschluss um ihrer selbst willen.“

Samira Lehmann* (Name von Redaktion geändert), Mutter

Die Probezeit: Testphase für beide Seiten

An der Euro-Akademie hat Schulleiter Uwe Schöneck extra einen Beratungslehrer, der auf psychologische Unterstützung spezialisiert ist, eingestellt und bietet außerdem gezielt Nachhilfeunterricht für die Fächer an, in denen es vermehrt zu Schwierigkeiten kommt. Schöneck sieht Schulen ebenfalls in der Verantwortung, Jugendliche bestmöglich auf ihren Berufsalltag vorzubereiten. „Wir müssen versuchen, sie so zu unterstützen, dass es nicht zu Abbrüchen kommt“, betont er.

Auch wenn sich nicht alle Abbrüche vermeiden ließen. Sowohl bei ihm als auch im Uniklinikum gäbe es auch immer wieder Abbrüche, da die Jugendlichen sich für ein Studium entschieden, umzögen oder schlicht die Schule bzw. den Arbeitgeber wechselten.

Die meisten Verträge werden unabhängig von der Branche oder Region während der Probezeit aufgelöst. „Das ist auch legitim“, sagt Bereichsleiterin Schult-Sikorksky. „Es ist ja eine beidseitige Geschichte, auszuprobieren, ob das passt.“ Freuen würde sie sich aber, wenn auch die Eltern ihre Kinder auf die Arbeitswelt vorbereiten und ihre Selbstständigkeit sowie ihren Umgang mit Konsequenzen fördern würden.

Ein Abbruch ist kein Scheitern – sondern oft ein Anfang

Für Mareike war klar, dass sie sich selbst um eine neue Ausbildung kümmern möchte. Von einzelnen Familienmitgliedern habe sie zwar durchaus Druck verspürt, dass sie schnell etwas Neues finden müsse. Doch sie wollte sich nicht wahllos bewerben, sondern durch Probearbeiten herausfinden, welcher Beruf wirklich zu ihr passt.

Dass sie sich zwischen dem Abbruch und ihrer neuen Ausbildung arbeitslos melden musste, war für sie hart: „Das hat sich wie eine weitere Backpfeife angefühlt. Man fühlt sich ja schon so, als wäre man gescheitert und da wirkte das wie ein zusätzliches Stigma.“

Doch eine Berufsausbildung zu beenden, die nicht zu einem passt, ist kein Scheitern. Mareikes Mama sieht in der Entscheidung ihrer Tochter Stärke, da es mutig sei, etwas zu beenden, was nicht zu einem passt, um dann das Richtige für sich zu finden.

Schulleiter Uwe Schöneck bekräftigt diese Sichtweise: „Den Eltern muss klar sein, dass durch einen Abbruch noch nichts verloren ist. Wer heutzutage nach der zehnten Klasse direkt eine Ausbildung beginnt, ist mit 18 Jahren schon fertig.“ Selbst mit einem Abbruch und einer Unterbrechung seien die Jugendlichen immer noch sehr junge Menschen, aber um die gesammelten Erfahrungen reifer. Sie hätten weiterhin genügend Zeit, eine neue Richtung einzuschlagen.

„Den Eltern muss klar sein, dass durch einen Abbruch noch nichts verloren ist. Wer heutzutage nach der zehnten Klasse direkt eine Ausbildung beginnt, ist mit 18 Jahren schon fertig.“

Uwe Schöneck, Schulleiter Euro-Schule Erfurt

von | 24.08.2026 | Für Eltern

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