Du bist mehr als nur dein Spiegelbild

Wie unser Äußeres unser Wohlbefinden beeinflusst.

 

Fotos: master1305 – adobe.stock

Montagmorgen, kurz vor dem Losgehen. Noch ein Blick in den Spiegel. Sitzen die Haare? Passt das Outfit? Vielleicht ist es nur ein flüchtiger Moment, aber der entscheidet manchmal darüber, mit welchem Gefühl wir in den Tag starten.

Wie wir uns selbst sehen, ist mehr als eine Frage des Geschmacks. Unser Äußeres beeinflusst, wie sicher wir auftreten, wie wir uns in sozialen Situationen fühlen und wie wir mit uns selbst umgehen. Psychologinnen und Psychologen sprechen dabei vom Selbstbild, also von der inneren Vorstellung davon, wer wir sind, wie wir wirken und wie wir von anderen wahrgenommen werden.

Dieses Selbstbild entsteht nicht zufällig. Es wird geprägt durch Erfahrungen, Rückmeldungen aus dem Umfeld und gesellschaftliche Vorstellungen davon, was attraktiv, fit oder „richtig“ ist.

Dass unser Körperbild eng mit dem psychischen Wohlbefinden zusammenhängt, zeigt auch die Forschung. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit einer positiven Körperwahrnehmung häufiger mehr Lebenszufriedenheit, emotionales Gleichgewicht und Selbstakzeptanz erleben.

Wer sich im eigenen Körper wohlfühlt, tritt oft sicherer auf und begegnet dem Alltag stabiler. Hingegen können bestimmte Formen sozialer Vergleiche auf Instagram und Co. dazu führen, das eigene Körpererleben negativ wahrzunehmen.

Selbstwert & Social Media

Gerade durch die sozialen Medien ist dieses Thema besonders präsent. Noch nie war das eigene Aussehen so sehr der Beurteilung durch andere ausgesetzt. Auf Social Media wird das eigene Bild ständig gespiegelt, bewertet, verglichen und durch Metriken wie Likes und Kommentare messbar gemacht. Dabei ist der Wunsch, gut auszusehen, nichts Problematisches. Im Gegenteil, sich um sich selbst zu kümmern, kann das Wohlbefinden stärken. Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel.

Maurice, der in Arnstadt zwei Fitnessstudios betreibt, erlebt das in seinem Alltag immer wieder. Körperliche Aktivität senkt nachweislich Stressreaktionen im Organismus und fördert Prozesse, die sich positiv auf Stimmung und Belastbarkeit auswirken. Allerdings sei der Kopf mindestens genauso wichtig.

Maurice ist Personal Trainer und Betreiber von zwei Fitness Studios in Arnstadt. Foto: privat

„Du kannst weniger als zwei Prozent Körperfettanteil haben und alle nennen dich Adonis, aber wenn in deinem Inneren etwas nicht stimmt, beispielsweise weil du immer nur die kleinen Dinge siehst, die nicht perfekt sind, macht dich das auch nicht glücklich. Gleichzeitig wird jemand, der keinen perfekten Körper hat, mit sich aber im Reinen ist, eine ganz andere Ausstrahlung haben und viel mehr Leute in seinen Bann ziehen können, es ihm innerlich gut geht.“

Entscheidend ist dabei die Motivation. Wer Sport nur betreibt, um einem Ideal hinterherzulaufen, erlebt häufiger eine Form des Drucks, der sowohl die physische als auch die emotionale Entwicklung hemmt. Wer sich bewegt, um sich stärker, ausgeglichener oder gesünder zu fühlen, profitiert meist nachhaltiger.

Kopfsache

Dass auch scheinbar kleine äußere Faktoren unser Wohlbefinden beeinflussen können, zeigt das Thema Haare. Influencer Tom Hannemann, der mit seinem Account „The Beautiful People“ Content rund um das Thema Haare veröffentlicht und allein bei Instagram 718.000 Follower erreicht, beschreibt sie als einen Bereich des eigenen Erscheinungsbildes, den Menschen bewusst gestalten und kontrollieren können.

Influencer Tom Hannemann im Interview mit WIYOU Redakteur Chris. Foto: Sandra Böhm

„Wir haben über vieles im Leben keine Kontrolle. Über Haare schon. Wenn ich mir die Harre komplett abschneide, dann bin ich ein völlig anderer Mensch. Der, der mich im Spiegel anschaut, ist dann nicht der Typ mit den Problemen. Es ist jemand neues.“

Gerade dieser Gedanke ist psychologisch spannend. Kontrolle gilt als wichtiger Faktor für psychische Stabilität. In einer Welt, die oft unübersichtlich, schnell und unberechenbar wirkt, kann es entlastend sein, über bestimmte Dinge selbst zu entscheiden. Über die Frisur, das Gewicht oder den eigenen Stil. Das Äußere wird damit auch zu einem Ausdruck von Identität.

Zu sich selbst finden

So auch für The Raccoonz, eine junge Punkband aus Erfurt. Bunte Haare, Nieten, Ketten und Risse in der Kleidung gehören zum Erscheinungsbild, sind laut Gitarristin Lou aber kein Ausdruck der Szenezugehörigkeit, sondern Resultat der eigenen Individualität: „Ich habe angefangen zu tragen, worin ich mich wohlfühle, ohne darauf zu achten, was andere Leute gut finden oder was im Trend ist. Ich zieh‘ einfach an, worauf ich Bock habe.“

Unser Selbstbild entsteht nicht nur durch das, was wir im Spiegel sehen. Es wächst auch aus Erfahrungen, Beziehungen, inneren Überzeugungen und der Frage, wie wir mit uns selbst sprechen. Denn gut auszusehen kann guttun. Wirklich stabil wird Wohlbefinden aber erst dann, wenn das Innere mitzieht.

Die Erfurter Punk Band The Raccoonz. Foto: Sven Biereige

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