Warum Jugendliche heute mehr denn je Orientierung brauchen – Und wie Eltern dabei wirklich helfen können

Jugendliche brauchen heute mehr Orientierung denn je. Umso wichtiger wird dadurch die Rolle der eltern. selbst, wenn es manchmal nicht so wirkt.

 

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gina Hamoud in ihrer Praxis in Jena. Foto: privat

„Wie war dein Tag?“ 

„Gut.“ 

Viele Eltern kennen diese kurzen Gespräche. Während Kinder oft selbstverständlich erzählt haben, wird es in der Jugend plötzlich komplizierter. Türen bleiben häufiger geschlossen, Antworten kürzer und Einblicke werden seltener. Gleichzeitig wirken viele Jugendliche angespannter, zweifeln an sich oder ziehen sich zurück. 

Das Gefühl von Hilflosigkeit ist dabei beidseitig zu spüren, sowohl bei den Eltern als auch beim Nachwuchs. Denn wie erreicht man sein Kind noch, wenn es scheinbar immer weniger preisgeben möchte? 

Vergleichsdruck durch Social Media 

Tatsächlich stehen Jugendliche heute unter einem enormen sozialen Druck, weiß auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gina Hamoud. Über soziale Medien seien junge Menschen permanent mit den Erfolgen, Körpern, Beziehungen und Lebensentwürfen anderer konfrontiert. Was früher auf den Freundeskreis oder die Schule begrenzt war, findet heute rund um die Uhr statt, auf Plattformen, auf denen sich Millionen Menschen gegenseitig beobachten und vergleichen. 

Hamoud erlebt in ihrer Arbeit immer wieder, wie stark diese Vergleiche belasten können. Dabei gehe es oft weniger um Eitelkeit oder Oberflächlichkeiten, sondern um grundlegende Fragen nach dem eigenen Wert: Bin ich gut genug? Reiche ich aus? Habe ich mein Leben im Griff? 

„Sich zu vergleichen ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches“, erklärt sie. „Menschen orientieren sich seit jeher an ihrem Umfeld. Früher war das der Nachbar, dessen Rasen vielleicht etwas grüner war. Aber durch soziale Medien ist heute potenziell jeder Mensch ein Nachbar. Die Möglichkeiten, sich zu vergleichen, sind nahezu endlos.“ 

Gerade in der Jugend kann das besonders belastend sein. Denn in dieser Phase entwickelt sich das Selbstbild erst. Jugendliche suchen nach Orientierung, probieren Rollen aus und möchten gleichzeitig dazugehören und individuell sein, sagt Hamoud. Wenn dann das Gefühl entstehe, andere seien erfolgreicher, schöner, beliebter oder glücklicher, geraten viele ins Zweifeln. 

Wie können Eltern dabei helfen? 

Eltern versuchen in solchen Situationen häufig zu helfen, indem sie beruhigen, Lösungen anbieten oder Probleme relativieren. Doch genau das erreiche Jugendliche oft nur bedingt, laut Hamoud. Viel wichtiger sei häufig etwas anderes. 

„Meiner Erfahrung nach, geht es vor allem darum, dass junge Menschen jemanden wollen, der ihnen zuhört und ihre Probleme ernst nimmt. Der sie sieht und Verständnis für ihre Situation hat, ohne zu bewerten oder zu korrigieren“, so die Jenaer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. 

Gleichzeitig sei es entscheidend, Grenzen zu respektieren. „Natürlich habe ich Techniken, um tiefer zu graben und an Probleme heranzukommen“, sagt sie über ihre therapeutische Arbeit. „Aber manchmal kommt man an einen Punkt, an dem abgeblockt wird. Und das muss man respektieren.“ 

Für Eltern kann das oft ein schwieriger Spagat sein. Einerseits möchten sie verstehen, was ihr Kind beschäftigt. Andererseits erleben sie, dass Jugendliche zunehmend selbst bestimmen wollen, was sie teilen und was nicht. Rückzug ist dabei nicht automatisch ein Warnsignal oder Ausdruck mangelnden Vertrauens. Häufig gehört er schlicht zum Erwachsenwerden dazu. 

Präsenz statt Kontrolle 

Das bedeutet jedoch nicht, dass Eltern unwichtig werden. Im Gegenteil: Jugendliche brauchen weiterhin verlässliche Bezugspersonen. Allerdings verändert sich die Rolle. Statt alles wissen oder lösen zu müssen, gehe es oft eher darum, erreichbar zu bleiben ohne Druck aufzubauen. 

Hilfreich können deshalb kleine, offene Gesprächsangebote sein. Nicht jedes Gespräch muss sofort tiefgründig sein oder Probleme lösen. Oft entstünden die wichtigsten Momente eher nebenbei, beispielsweise beim Essen, im Auto oder bei gemeinsamen Routinen im Tagesablauf. Jugendliche spüren sehr genau, ob echtes Interesse da ist oder ob ein Gespräch vor allem Kontrolle bezweckt, gibt Hamoud zu bedenken. 

Ebenso wichtig sei ein realistischer Blick auf soziale Medien. Eltern müssten digitale Plattformen nicht grundsätzlich verteufeln, sollten aber mit Jugendlichen darüber sprechen, wie stark Inhalte inszeniert sind. Die meisten Menschen zeigen online vor allem Erfolge, schöne Momente und kontrollierte Ausschnitte ihres Lebens. Krisen, Unsicherheiten oder Konflikte bleiben dagegen meist unsichtbar. 

Am Ende gehe es bei vielen Unsicherheiten Jugendlicher weniger um die Frage, wie andere leben. Sondern darum, wie sicher sie sich selbst fühlen. Genau deshalb bräuchten sie Erwachsene, die Orientierung geben, ohne permanent zu bewerten. Menschen, die präsent bleiben, auch wenn Jugendliche sich zeitweise zurückziehen.

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