„Nicht mit mir!“

Luis Schäfer über den Umgang mit Hass und Hetze.

 

Lässt sich nicht einschüchtern: Luis Schäfer. Foto: Ben Jenak

2024 kandidierte Luis Schäfer (25) aus Gera für den Stadtrat und als Direktkandidat für die Landtagswahl. Im Zuge seiner Kandidatur wurde der Landesvorsitzende der Grünen in Thüringen online von einem Rechtsextremen bedroht. Im Gespräch mit WIYOU erzählt er, was das mit ihm gemacht hat. Und warum Aufgeben für ihn trotzdem keine Option ist.

Luis, wie bist du eigentlich zur Politik gekommen?

Ich war schon immer politisch interessiert. Der konkrete Auslöser war 2021 eine Bundestagsdebatte zum Selbstbestimmungsgesetz. Ich bin selbst trans Person und habe die Debatte verfolgt. Die Grünen hatten damals viele Positionen zu dem Thema, in denen ich mich repräsentiert gefühlt habe, weshalb ich selbst aktiv werden wollte und der Partei beigetreten bin. Inzwischen haben wir das Selbstbestimmungsgesetz und seit anderthalb Jahren steht der Name auf meinem Personalausweis, den ich auch tragen möchte. Das war ein sehr bedeutender Schritt.

2024 hast du für den Stadtrat in Gera kandidiert. Wann wurde aus politischer Sichtbarkeit eine konkrete Bedrohung?

Eines Morgens bin ich aufgewacht und hatte Nachrichten auf dem Handy. Jemand hatte mich darauf hingewiesen, dass ein junger Mann aus der rechtsextremen Szene ein Bild von mir geteilt hatte, verbunden mit einer massiven Gewaltandrohung. Später habe ich gesehen, dass er mir das auch direkt per Instagram geschickt hatte. Das Bild stammte aus einem älteren Post von mir, in dem ich darüber geschrieben hatte, dass ich meinen Namen und Personenstand geändert habe. Dass genau dieses Bild ausgesucht wurde, halte ich nicht für zufällig.

Kanntest du den Täter?

Nein, und genau das fand ich besonders auffällig. Ich kannte diese Person nicht und bin ihr noch nie begegnet.

Was passiert in so einem Moment? Wie reagiert man darauf?

Erst einmal sehr praktisch. Ich habe Kontakt zur Beratungsstelle Elly aufgenommen, die bei Hasskriminalität im Netz unterstützt. Dort wurde alles sofort gesichert, damit es als Beweismittel taugt. Danach habe ich Anzeige erstattet, meine Meldeadresse sperren lassen und darauf geachtet, meinen Standort nicht öffentlich zu teilen. Auch Daten aus meinem näheren Umfeld habe ich gelöscht.

Und emotional?

Am Anfang lief vieles im Autopiloten. Erst später habe ich gemerkt, dass es etwas mit mir macht. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass es mir schwerer fiel, in den dunklen Abendstunden allein durch die Stadt zu gehen. Da war plötzlich ein anderes Gefühl von Unsicherheit da. Als ich mich zur Wahl aufstellen lassen habe, wusste ich, dass so etwas passieren kann, habe das Risiko abgewogen und mich entschieden, mich davon nicht beeinflussen lassen zu wollen. Wenn es dann aber wirklich passiert, ist das etwas anderes.

Hat dich das auch in deiner politischen Arbeit eingeschränkt?

In meinem Alltag ja, in meinem politischen Engagement nicht. Ich war eine Zeit lang vorsichtiger. Zum Beispiel bin ich erst einmal nicht zu Demonstrationen der demokratischen Gegenbewegung gegangen, weil ich nicht wusste, wie ernst diese Drohung gemeint war. Aber ich habe nicht aufgehört, Politik zu machen.

Warum war dir das wichtig?

Weil genau das das Ziel solcher Einschüchterung ist. Dass Menschen sich zurückziehen. Dass demokratisches Engagement verschwindet. Mir ist wichtig zu sagen: Ja, es hat mich eingeschränkt. Aber ich habe mich nicht verdrängen lassen.

Ein Jahr später kam es zur Gerichtsverhandlung. Wie war das für dich?

Ich bin hingegangen, weil ich das bewusst wollte. Vor Ort konnte ich sogar spontan aussagen. Das war gut, weil ich das Gefühl hatte, dass gehört wurde, was ich zu sagen habe. Und der Täter wurde verurteilt. Für mich ging es weniger um die Frage, wie hoch die Strafe ausfällt. Entscheidend war, dass der Rechtsstaat funktioniert. Dass das ernst genommen wurde und klar war: Das ist nicht in Ordnung. Dadurch konnte ich einen Abschluss mit dem Thema finden. Es hat natürlich etwas mit mir gemacht, aber ich bewege mich wieder freier. Ich bin aber auch nicht naiv. Politische Sichtbarkeit heißt auch, dass man beobachtet wird. Davon lasse ich aber nicht meinen Alltag bestimmen.

Was möchtest du jungen Menschen mitgeben, die sich engagieren wollen, aber Angst vor Anfeindungen haben?

Dass man sich davon nicht verdrängen lassen darf. Genau das wollen diejenigen, die Hass und Einschüchterung einsetzen: dass demokratische Stimmen leiser werden. Aber Engagement darf daran nicht enden. Nicht mit mir.

 

Hass & Hetze im Netz – das kannst du tun:

1. Beweise sichern
Screenshots machen, Links speichern, Uhrzeiten dokumentieren. Möglichst vollständig, bevor Inhalte gelöscht werden.

2. Nicht allein bleiben
Sprich mit Freunden, Familie oder Vertrauenspersonen darüber. Hasskommentare wirken oft belastender, als man zunächst denkt.

3. Beratungsstellen kontaktieren
Organisationen wie Elly (Thüringen), HateAid oder die Opferberatung Ezra unterstützen Betroffene kostenlos bei Hasskriminalität, Bedrohungen und digitalen Angriffen.

4. Anzeige erstatten
Bedrohungen, Volksverhetzung oder gezielte Einschüchterung sind keine „Meinungen“, sondern Straftaten. Polizei und Meldestellen helfen, damit umzugehen.

5. Eigene Daten schützen
Privatsphäre-Einstellungen prüfen, Standortfreigaben deaktivieren und persönliche Informationen möglichst sparsam öffentlich teilen.

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