Warum wir uns ständig vergleichen

Andere leben ihre Träume und teilen sie mit der Welt. Und was machst du?

 

Im Gespräch mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gina Hamoud. Foto: privat

Gerade junge Menschen sind davon betroffen, weil Vergleiche heute nicht mehr im kleinen Umfeld stattfinden, sondern permanent mit einer großen, oft unerreichbar wirkenden Öffentlichkeit.

„Ich sage immer: Schau mal, wie die Menschen früher gelebt haben“, berichtet Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gina Hamoud. „Früher, also in grauer Vorzeit, hatten die Menschen nur sich selbst und ihre Bedürfnisse. Dann kamen irgendwann weitere Menschen, die zu Nachbarn wurden, auf deren Grundstück man plötzlich schauen und sich vergleichen konnte. Heutzutage ist durch das Internet und Social Media potenziell jeder Mensch ein Nachbar. Die Möglichkeiten, sich mit anderen zu vergleichen, sind nahezu endlos.“

Sich zu vergleichen muss nicht negativ sein

Dabei ist Vergleichen an sich nichts Negatives. Es ist ein menschlicher Mechanismus, der Orientierung gibt und helfen kann, Ziele zu entwickeln. Problematisch wird es, wenn daraus ein Dauerzustand wird, der das eigene Selbstwertgefühl untergräbt.

In der Jugend, wenn Identität noch im Aufbau ist, wirken äußere Einflüsse besonders stark. Umso belastender können die Folgen sein, wenn Selbstwahrnehmung und die eigenen Maßstäbe verzerrt sind. Unzufriedenheit trotz guter Umstände. Das Gefühl, nie genug zu sein. Angst, etwas zu verpassen. Unsicherheit über den eigenen Weg. Wir orientieren uns an Lebensmodellen, ohne zu berücksichtigen, dass Voraussetzungen wie Herkunft, Unterstützung oder Zufall stark variieren.

Nur Ausschnitte, nicht das Ganze

Ein bewussterer Umgang kann helfen. Dazu gehört, sich klarzumachen, dass Online-Inhalte nur Ausschnitte zeigen. Und sich die Frage zu stellen: Wäre das, was ich da sehe, überhaupt meine Definition von Erfolg? Von Glück?

Letztlich geht es beim Vergleichen oft weniger um die anderen als um die eigenen Zweifel. Die Erfolge anderer treffen uns dort, wo wir selbst unsicher sind. Genau darin liegt aber auch eine Chance, denn darin können Hinweise stecken, wo Entwicklung möglich ist.

Die entscheidende Frage ist also nicht, warum man nicht wie andere ist. Sondern warum man glaubt, es sein zu müssen.

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