„Mir wurde wenig zugetraut“

Wenn die Ausbildung dich unglücklich macht.

 

Fotos: deagreez – adobe.stock

Katrin* (24) ist gelernte Raumausstatterin. Schon immer hat sie gern genäht und wollte ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Stattdessen wurde die Ausbildung körperlich und mental zur Belastung.

*Name durch die Redaktion geändert

Wie bist du überhaupt zur Ausbildung als Raumausstatterin gekommen?
Nach dem Abi wollte ich nicht studieren, sondern etwas machen, bei dem ich nicht den ganzen Tag rumsitze. Ich nähe super gern, bin kreativ und bastle viel. Über eine Bekannte bin ich dann auf eine Raumausstattung gestoßen. Ehrlich gesagt wusste ich vorher nicht mal, dass das ein eigener Beruf ist.

Und wie war der Start in die Ausbildung?
Die Berufsschule war großartig. Blockunterricht im Internat, tolle Lehrkräfte, gute Leute. Das war ehrlich gesagt der Hauptgrund, warum ich überhaupt drangeblieben bin. Im Betrieb war es anders. Nach ein paar Monaten hätte ich am liebsten aufgehört.

Was hat dir im Betrieb denn nicht gefallen?
Mir wurde wenig zugetraut. Ich war oft eher Werkzeuganhalterin als Auszubildende. Vieles, was ich wirklich gelernt habe, kam aus der Schule und den überbetrieblichen Kursen. Im Alltag ging es oft nur von Montage zu Montage. Die Realität des Berufs war ziemlich weit weg von dem, was uns in der Ausbildung vermittelt wurde.

Wie hast du das Miteinander erlebt?
Schwierig. Es gab Kolleginnen und Kollegen, die mich unterstützt haben, aber eben auch viele Situationen, in denen ich klein gehalten wurde. Und irgendwann glaubt man das auch selbst.

Gab es Momente, die dir besonders im Kopf geblieben sind?
Ja. Vor allem Situationen, in denen Kollegen sehr laut oder einschüchternd wurden, mich teilweise regelrecht bedroht haben. Da hatte ich manchmal wirklich Angst. Irgendwann war ich dauernd angespannt und habe morgens schon Bauchschmerzen bekommen, wenn feststand, mit wem ich unterwegs bin. Das hat lange nachgewirkt. In meinem jetzigen Betrieb, in einem ganz anderen Beruf, musste ich erst wieder lernen, dass ein normaler, respektvoller Umgang überhaupt möglich ist.

Warum hast du die Ausbildung trotzdem durchgezogen?
Ehrlich? Mein Ego. Ich wollte es abschließen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich das kann. Und ich hatte damals auch keinen Plan B.

Hast du je gedacht, Abbrechen wäre gleichbedeutend mit Versagen?
Damals schon. Heute sehe ich das anders. Wenn man merkt, dass einen etwas mental kaputtmacht, ist es kein Scheitern, auszusteigen. Im Gegenteil. Das kann total stark sein. Genauso darf man aber auch stolz sein, wenn man sich durchbeißt. Beides braucht Mut.

Gab es am Ende trotzdem einen guten Moment?
Ja: die Gesellenprüfung. Ich war super vorbereitet, vor allem dank meiner Lehrerinnen und Lehrer. Im Betrieb wurde mir vorher noch gesagt, dass ich so niemals bestehen würde. Am Ende habe ich richtig gut abgeschlossen. Darauf bin ich bis heute stolz. Und meinem alten Betrieb habe nicht einmal etwas davon erzählt. Das war nur für mich.

Bereust du, die Ausbildung gemacht zu haben?

Ich würde trotz allem nicht sagen, dass ich die Ausbildung bereue. Allein, weil ich handwerklich viel für meinen Alltag mitgenommen habe, was ich privat nutzen kann. Am Ende habe ich mich weiterentwickelt und viel dazugelernt. Vor allem über mich selbst.

Wenn’s im Betrieb schwierig wird

Stress, Angst oder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden? Damit musst du nicht allein bleiben.

Hilfe gibt’s hier (Auswahl):

  • Handwerkskammer (HWK) & Industrie- und Handelskammer (IHK): Beratung bei Konflikten in der Ausbildung
  • DGB Jugend / Gewerkschaften: Unterstützung zu Rechten und nächsten Schritten
  • Berufsschule: Vertrauenslehrkräfte oder Schulsozialarbeit
  • Dr. Azubi: kostenlose Online-Beratung für Azubis
  • Azubihilfe Netzwerk: Azubis helfen Azubis, spezielles Netzwerk für Handwerksberufe
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