„Bis ende 20 hatte ich Angst vor dem Thema Geld!“
Mal ehrlich: Wer von uns hat während der Schulzeit gelernt, wie man ein Konto richtig nutzt, Geld anlegt oder für später vorsorgt? Wahrscheinlich die wenigsten. Genau deshalb ist die Geschichte von Ramona so spannend.
Gehört heute zu den „feinen Leuten“: Ramona Wuttig.. Foto: Anna Bilousova
Die 34-Jährige aus Thüringen weiß, wie es ist, ohne Geld auszukommen. Sie ist in einer armutsbetroffenen Arbeiterfamilie aufgewachsen, bei ihren Großeltern in einem alten Bauernhaus, in dem selbst fließendes Warmwasser zeitweise fehlte.
Neue Kleidung? Gab es selten. Stattdessen wurden günstige Marken-Fakes auf Märkten gekauft oder mit kleinen Tricks dafür gesorgt, dass sie als Kind trotzdem nicht das Gefühl hatte, völlig außen vor zu sein.
Die feinen Leute
„Meine Großeltern haben immer gesagt, ‚das sind die feinen Leute‘. Damit meinten sie normale, mittelständische Arbeitnehmer. Akademiker waren dann die ‚besonders feinen Leute‘.“ Eine Welt, die für Ramona scheinbar unerreichbar war. „Sie sagten dann: ‚Sowas wie Studium, das ist nichts für Leute wie uns.‘ Aber mir war immer klar, dass ich studieren gehen würde.“
Gesagt, getan. Sie brach zunächst das Gymnasium ab und begann eine Ausbildung zur Altenpflegerin, die sie jedoch nicht beendete. Stattdessen holte später ihr Abitur nach, studierte Soziologie und Politikwissenschaft, machte einen Master, absolvierte zusätzlich ein Psychologiestudium und studiert inzwischen sogar Jura, während sie selbstständig als Speakerin, Autorin und Dozentin arbeitet. „Meine Oma sagte dann immer, ich gehöre jetzt auch zu den feinen Leuten.“
Doch eine Botschaft zog sich seit ihrer Kindheit durch ihr Leben: Schulden machen war tabu. Schon ein kleiner finanzieller Fehltritt konnte fatale Folgen haben. Also war die Maßgabe, lieber zu verzichten als einen Kredit aufzunehmen. „Ich werde sowieso mal altersarm“, sagte sie oft scherzhaft und schob alles, was mit Finanzen zu tun hatte, konsequent beiseite.
Bis der Wendepunkt kam.
Heute gibt Ramona Workshops, um anderen ihr Wissen zu vermitteln. Foto: privat
Die Angst vor Geld
Erst als sie mit Ende 20 zum ersten Mal wirklich Geld verdiente, begann sich ihre Denkweise zu ändern. „Ich hatte zum ersten Mal Geld und durch meine Arbeit und das BAföG ging es mir verhältnismäßig gut. Also habe ich angefangen Stück für Stück etwas beiseitezulegen und mich damit zu beschäftigen, wie ich am besten sparen könnte. Zahlen lagen mir irgendwie schon immer und ich habe schnell gemerkt, dass es nicht so kompliziert ist, wie ich befürchtet hatte.“
Sie begann, sich selbst Wissen anzueignen und wurde mit der Zeit so belesen, dass sie auch Menschen in ihrem Bekanntenkreis irgendwann Ratschläge geben konnte. „Ich habe dann gemerkt, dass es nicht nur mir so ging. Viele Leute reden nicht über Geld, weshalb es nach Außen so wirkt, als hätten sie einen Plan. In Wahrheit wissen viele nicht, was sie mit ihrem Geld tun, trauen sich aber nicht zu fragen.“
In Kombination mit ihrem soziologischen Hintergrund hat sie durch diese Arbeit spannende Einblicke bekommen, warum viele oft zu wenig über Geld sprechen. „Wir Menschen tendieren dazu, Geld als Maßstab für unseren Wert zu nehmen. Wer viel verdient, der leistet automatisch mehr, trägt also mehr zur Gesellschaft bei und ist demnach mehr Wert. Im Umkehrschluss bedeutet das, wer weniger verdient, sei weniger wert. Indem ich jemandem verrate, wie viel Geld ich verdiene, spare oder anlege, verrate ich ganz viel darüber, wer ich bin. Und ich setze mich einer Beurteilung aus. Deshalb wird das Thema ganz oft verschwiegen oder relativiert.“
Hilfe zur Selbsthilfe
Heute gibt Ramona Workshops für Menschen, die mit Geld bisher möglichst wenig zu tun haben wollten. Dabei verkauft sie keine Finanzprodukte und gibt keine konkreten Anlageempfehlungen. Stattdessen erklärt sie Grundlagen: Wie behält man den Überblick über seine Ausgaben? Warum ist ein Notgroschen wichtig? Worauf sollte man achten, bevor man überhaupt über Geldanlagen nachdenkt? „Ich will niemandem etwas verkaufen. Das darf ich auch gar nicht. Ich möchte lediglich Menschen helfen, denen es genau so ging wie mir, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie sie für ihre Zukunft vorsorgen können.“
Für junge Menschen hat sie deshalb einen Rat, den sie ihrem 18-jährigen Ich selbst gern gegeben hätte. „Fangt früh an. Spart nicht erst, wenn irgendwann einmal viel Geld da ist. Schon kleine Beträge können langfristig einen Unterschied machen.“ Besonders ein Notgroschen sei wichtig, um mehr Sicherheit in Ausnahmesituationen zu haben, beispielsweise wenn das Auto kaputtgeht, die Waschmaschine streikt oder plötzlich unerwartete Kosten auftauchen. Erst danach lohne sich der Blick auf langfristige Geldanlagen und die Altersvorsorge.
Finanzwissen ist kein Talent, das manche Menschen einfach besitzen. Man kann es sich aneignen und verstehen, egal, woher man kommt. Ramona ist der beste Beweis dafür. Aus einem Kind, das glaubte, Finanzen seien nichts für „Leute wie uns“, wurde eine Frau, die heute anderen genau diese Angst nimmt.