Wendeblatt Jugendhilfe: Rausgehen, um anzukommen

Ein Wald in der Nähe des Landgrafen überblickt Jena. Wir stehen dort, die Stadt unter uns, und reden über Wege. Im Leben und im wörtlichen Sinne. Für Martin Emberger, den Gründer von Wendeblatt, ist das Berufsalltag.

 

Auf seiner Lieblingsbank überblickt Martin Jena und nimmt sich einen Moment der Ruhe und Reflexion. Foto: Chris Sommer-Blumenstein

Wendeblatt ist ein Jugendhilfeträger aus Jena, der seit seiner Gründung 2020 Unterstützung für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen anbietet. Sein Konzept: Wanderprojekte, die als intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung nach § 35 SGB VIII konzipiert sind. Verständlich formuliert bedeutet das, ein Jugendlicher und ein pädagogischer Begleiter ziehen über Wochen und Monate durch Deutschland, ohne festen Terminplan, dafür mit klarer Haltung und viel Zeit für das Selbst und einander. „Wir gehen raus, bei jedem Wetter und in jeder Jahreszeit, und arbeiten mit den Systemsprengern, mit denen sonst niemand arbeiten kann“, sagt Martin. „Eine unserer Fachkräfte mit einem Jugendlichen, Rucksack, Schlafsack, Zelt, Isomatte, keine anderen Menschen. Nur viel Wald, viel draußen und viel Zeit zum klarkommen.“

Das ist keine Freizeitgestaltung, sondern ein intensives Setting, bei dem Körperkraft und Durchhaltevermögen gefragt sind, sowohl für die Betreuten als auch für die Betreuer. Dabei ist nicht nur die körperliche Anstrengung kräftezehrend, sondern auch die emotionale Auseinandersetzung mit den individuellen Schicksalen. „Zu uns kommen unter anderem die wirklich harten Fälle, die dir erst den Autoschlüssel klauen, um dich dann mit deinem eigenen Auto zu überfahren, oder den Feuerlöscher aus dem Hochhaus werfen, ohne daran zu denken, dass unten eine Mutter mit Kinderwagen stehen könnte. Als sehr laute Jugendliche, die schon Straftaten begehen und keine Orientierung mehr im Leben haben. Wir haben aber auch Jugendliche bei uns, die in typischen Opferrollen stecken und sich selbst verletzen. Die Auseinandersetzung damit ist sehr individuell, weshalb wir immer wieder aufs Neue herausfinden müssen, welche Hebel wir betätigen und an welchen Zahnrädern wir drehen können.“

Warum draußen arbeiten?

Der Grundgedanke dahinter ist denkbar simpel: Raus aus der gewohnten Umgebung, weg von externen Ablenkungen, hin zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Natur soll gleichzeitig isolieren und inspirieren. Das Ziel der Reise ist dabei nebensächlich. „Natürlich gibt es ein geografisches Ziel, viel wichtiger ist aber der Weg dorthin. Sich jeden Tag wieder ein bisschen mehr aufzuraffen, das gleiche Zeug ein- und auszupacken, den Lagerplatz zu suchen, das Zelt aufzubauen, Essen zu kochen, während man merklich dem Ziel Stück für Stück näherkommt. Nach jedem Tag können wir ganz klar sagen, wie viele Kilometer wir geschafft haben und damit näher am Ziel sind. Das ist erfahrbar und das hilft vor allem denjenigen, die noch nie in ihrem Leben etwas zu Ende gebracht haben.“

Gemeinsam in der Natur kommt einiges zur Sprache. Da kochen die Emotionen schonmal hoch. Foto: Julian C. Hoffmann

Der Weg ist das Ziel. Foto: Julian C. Hoffmann

Die Erfahrung, sich auf das Notwendigste zu konzentrieren, beispielsweise die nächste Etappe eines anstrengenden Pfads, ein Feuer zu machen oder einen Platz zum Schlafen zu finden, schafft eine direkte Lebensnähe, die viele Jugendliche im vertrauten Umfeld nicht finden. In der Natur wird jeder Schritt, jede Entscheidung sichtbar.

„Die Natur gibt dir ganz viele unmittelbare Rückmeldungen. Wenn du deine Plane an einem Baum befestigst und sie in der Nacht weggeweht wird, dann ist nicht der Baum daran schuld, der schon seit 50 Jahren dort steht. Das ist auf dein eigenes Handeln zurückzuführen. Alles, was wir an Konsequenzen setzen müssen, ist nur ergänzend zu dem Umfeld, das wir gewählt haben.“

Warum das auch für dich relevant ist

Die Arbeit von Wendeblatt ist sinnbildlich für Situationen, mit denen jeder Mensch im Laufe seines Lebens konfrontiert wird. Schwierige Phasen, in denen uns die Dinge über den Kopf wachsen, wir nicht weiterwissen und keinen Ausweg sehen. Zugegeben, dein eigener Lebenslauf ist vielleicht nicht so dramatisch wie in den Fällen, für die Martin & Co. zuständig sind. Trotzdem lässt sich aus ihrem Ansatz die eine oder andere Erkenntnis ziehen.

„Wenn man in einer Situation, in einer Emotion steckt, dann hat man nicht den Blick von außen. Manchmal ist es sehr ratsam, einen Schritt zurückzugehen, vielleicht auch mal rauszugehen, darüber nachzudenken und zu versuchen, die Situation von außen zu betrachten. Wir alle funktionieren über Emotionen und Emotionen sind gut, aber manchmal muss man ihnen auch Zeit und Platz einräumen, abzuflachen. Gerade, wenn es um Situationen geht, über die ich mich ärgere, vielleicht auch über mein eigenes Verhalten. Dann ist es immer gut, Abstand zu gewinnen. Vielleicht bei einem Spaziergang oder irgendwo auf der Lieblingsbank sitzend. Ohne eine andere Person, ohne Musik auf dem Ohr, ohne Podcast, ohne Buch, einfach mal nur ‚sein‘. Und zu schauen, wo mich meine Gedanken hinbringen. Irgendwann ist man zwangsläufig mit der Vergangenheit oder der Zukunft konfrontiert und kommt dadurch an den Kern des Problems heran. Diesen Prozess kann man beschleunigen, indem man dorthin geht, wo es wenig Ablenkung gibt, nämlich raus.“

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